Redaktion Klassik.com
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Ausdrucksvolle französische Klaviertrios
Nach seiner Einstandsplatte legt das 2006 gegründete Boulanger Trio nun bereits seine zweite Einspielung vor. Wie bei der ersten handelt es sich um eine ebenso durchdachte wie gelungene Werkzusammenstellung, für die der aus dem Popmusikbereich herüber genommene Begriff Konzeptalbum allzu kühl wirkt, gemessen an dem farbig-schillernden Inhalt. War es bei der der ersten Aufnahme Schumann als roter Faden (Clara und Robert Schumann bis Wolfgang Rihm), so wird hier das Verbindende bereits im Albumtitel genannt: ‚French Piano Trios‘. Auch diesmal schlagen die drei jungen Frauen des Boulanger Trios einen großen, logischen und musikalisch überzeugenden Bogen. Von Camille Saint-Saëns über Gabriel Fauré zu Lili Boulanger, neben ihrer Schwester Nadia Namensgeberin der Trioformation. Dieser Brückenschlag ist musikhistorisch einleuchtend, lassen sich doch direkte Verbindungen zwischen den Komponisten bzw. der Komponistin erkennen. Doch musikhistorischer Konnex hin oder her – die Werkzusammenstellung überzeugt vor allem, weil das Boulanger Trio drei ganz ausgezeichnete, hoch interessante und zweifelsohne sehr ausdrucksstarke Werke zusammengestellt hat.
Wogende Klangfelder
Schon der Einstieg in den Kopfsatz von Camille Saint-Saëns‘ Trio Nr. 2 e-Moll op. 92 entfacht einen ganz eigenen Zauber. Angefangen von dem im Klangbild mittig postierten Klavier reichen sich die Geige von links und das rechts disponierte Cello die samtig abgetönten Klänge weiter. Es entsteht ein Klangwoge, die langsam, mit einem bruchlosen Legato von einer zur anderen Seite schwappt. Dieser ruhig fortschreitende Beginn wird bald von einem bewegteren Aktionsniveau abgelöst. Und genau hier, etwa in den kontrapunktischen Verdichtungen der Durchführung, stellen sich (klangliche) Probleme ein. Denn so sehr anfangs die akustische Nähe, das Heranzoomen des Hörers an die Musikerinnen eine wunderbare Wirkung entfalten kann, so scheint es in den kontrapunktisch dichten Passagen etwas an klanglichem Entfaltungsraum zu fehlen; die verdichtete Klangtextur hat zu wenig Luft zum Atmen.
Diesen klanglichen Schwierigkeiten zum Trotz entfalten Karla Haltenwanger am Klavier, die Geigern Birgit Erz und Ilona Kindt am Cello eine von hoher Spannung geprägte Atmosphäre. Die Abstimmung zwischen den drei Instrumentalistinnen ist vorzüglich, der Klangfarbenreichtum immens. Das im ungewohnten Fünfer-Takt gehaltene ‘Allegretto’ wird mit Schwung ausgespielt; etwas irritiert von dem ungeraden Metrum, überlässt man sich als Hörer gerne dem kernigen Klang des Boulanger Trios. In den beiden folgenden Sätzen entfalten die drei Frauen einen sehr dichten, dynamisch fein abgestuften Klang. Gerade bei dem in der Mitte stehenden ‘Andante con moto’ aber, einem ganz sachte singenden Lied, hätte man den grazilen Satz mit weniger Vibrato versehen können, um den Charakter auch klanglich nuancierend zu unterstützen. Im Schlusssatz agiert das Boulanger Trio dann wieder voller Verve und vermag einen kraftvollen Schlusspunkt zu setzen. Gerade die so gar nicht französische Fugenhuberei im abschließenden ‘Allegro’ klingt in der mitreißenden Interpretation des Boulanger Trios keine Spur knorrig.
Mal filigran, mal pathetisch
Ehe die drei Damen des Boulanger Trios zwei Stücke ihrer Namenspatronin auf hoch expressive Weise zum Leben erwecken, erkunden sie in Gabriel Faurés d-Moll-Trio op. 120 aus dem Jahr 1923 den eher filigran disponierten Satz. Dass die gerade hymnischen Passagen hier aber ebenso zu ihrem Recht kommen und strahlend ausgesungen werden, trägt zu der überzeugenden Darstellung des Boulanger Trios bei. Auch hier ist das Spiel mit Klangfarben und -nuancen erstaunlich, die Balance zwischen den Instrumenten erstklassig.
Einen veritablen Schlusspunkt – wohl eher ein Ausrufezeichen – setzt das Boulanger Trio abschließend mit Lili Boulangers ‘D’un soir triste’ und ‘D’un matin de printemps’, beide aus dem Jahr 1918. Das erste Stück scheint vollgesogen mit den Leiderfahrungen des Ersten Weltkriegs. In der Mitte einen gewaltigen Trauermarsch entfaltend ist es mit höchster Expressivität aufgeladen, zumindest in der Deutung durch das Boulanger Trio. Dass diese Ausdruckskraft nie vordergründig, bloß dargestellt wirkt, sondern eine ganz tiefe, authentische Wirkung zu entfalten vermag, ist den drei Musikerinnen zu danken. Den Abschluss dieser Einspielung macht das viel kürzere, heitere ‘D’un matin de printemps’, das die kompositorische Avanciertheit in eine fröhlich-unbeschwerte Klangoberfläche eingeprägt hat.
Dem Trio Boulanger Trio gelingt damit eine weitere überzeugende Einspielung, die lediglich klangliche nicht vollkommen zu überzeugen vermag und manchmal etwas zu viel Druck, Expressivität, Kraft erkennen lässt, wenn die Streicher mit (manchmal etwas zu) viel Vibrato dem Klavier Paroli bieten.
Kritik von Tobias Pfleger, 24.05.2009
WDR 3-TonArt
Boulanger Trio – zwei neue CDs
Wenn in diesem Jahr das Wort „Klaviertrio“ fällt, so purzeln meist gleich danach auch noch die Worte „Haydn“ und „Erfinder“. Nichts davon auf den beiden CD-Neuerscheinungen, mit dem nun ein junges und rein weibliches Klaviertrio mit Nachdruck auf sich aufmerksam macht. Erst 2006 gegründet, wurde das Trio bereits mehrfach mit Preisen bedacht und debütierte bereits in der Berliner Philharmonie, der Cité de la Musique in Paris und der Wigmore Hall in London. Die beiden CDs führen nach Frankreich auf den Spuren der Namensgeberin des Trios Lili Boulanger und von Clara Schumann bis in die Gegenwart. [...]
„So interpretiert zu werden, ist wohl für jeden Komponisten ein Wunschtraum“, schrieb Wolfgang Rihm dem Trio in einem Brief. Diese Adelung darf es nun mit Stolz auf die erste Bookletseite einer der beiden CDs schreiben, die nun kurz nacheinander beim Label Ars Produktion erschienen sind. Darauf kann man dann auch gleich nachhören, was Wolfgang Rihm an den Annäherungen an das Klaviertrio von Robert Schumann faszinierte, denn das Boulanger Trio kombinierte die Fremde Szene mit Trios von Robert und Clara Schumann.
Damit zeichnen die Musikerinnen in groben Zügen auch eine Skizze von der Entwicklung des Klaviertrios. Clara Schumanns Trio ist noch geprägt vom Geist des bürgerlichen Salons mit dem das Klaviertrio untrennbar verknüpft ist – also jener Sphäre, die häufig verächtlich mit dem geringschätzigen Wort von der „Musikpflege höherer Töchter“ und der Karriere musikalischer Betulichkeitsformen wie Albumblatt oder Charakterstück in Verbindung gebracht wird. In Clara Schumanns Trio kommt dies im geselligen Ton zum Ausdruck – Kammermusik, noch wirklich für das Musikzimmer.
Bei Robert Schumann spürt man den Drang, aus der Kammer auszubrechen – das Trio strebt in den Konzertsaal, wo es auch vor Schroffheiten nicht zurückschreckt.
Zugleich verleiht Robert Schumann den Stimmen jene Eigenständigkeit und Unabhängigkeit, die im Klaviertrio häufig nur dem namengebenden Tasteninstrument zugestanden war. Und die es erlaubt, die Qualitäten der drei jungen Musikerinnen in jeder Hinsicht schätzen zu lernen.
[...] CD mit französischen Klaviertrios, auf der neben Musik von Gabriel Fauré und Camille Saint-Saens Werke der namensgebenden Komponistin und Dirigentin Lili Boulanger zu hören sind.
Gemeinsam mit ihrer Schwester Nadia zählt Lili Boulanger zu den herausragenden Musikerinnenpersönlichkeiten des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts. Als Vorbilder sind sie prädestiniert für dieses weibliche Trio, dessen Stimme man in den kommenden Jahren sicher nicht nur in Kammermusiksälen häufiger zu hören bekommt, dafür werden auch die beiden neu erschienenen Tonträger sorgen.
Autor: Hahn, Patrick | Sendedatum: 02.07.2009 | © Westdeutscher Rundfunk Köln 2009