Redaktion Klassik.com
Interpretation:

Klangqualität:

Repertoirewert:

Booklet:
Musikantische Berufung auf Heraklit
Schon der alte Heraklit wusste, dass man nicht zweimal in denselben Fluss steigen kann. Kurz gefasst wurde aus dieser wesentlichen existenziellen Erfahrung der Aphorismus ‚Panta rhei’ – ‚Alles fließt’. Dieses Bild passt wohl auf keine Kunstform besser als auf die Musik, und so überrascht es nicht, den berühmten Worten in der Musik besonders häufig zu begegnen. Hier ist es ein junges Kölner Klaviertrio, bestehend aus Gudrun Pagel (Violine), Sonja Asselhofen (Violoncello) und Julia Vaisberg (Klavier), das den Aphorismus als Namen auserkoren hat; ein Name übrigens, der auch strikt als Programm ausgelegt wird. Die Musikerinnen nämlich wollen sich, so liest man im Booklet, stets neu erfinden und unermüdlich neue Wege erproben, also im weitesten Sinne ‚im Fluss’ bleiben, was ein Repertoire bedeutet, das Bearbeitungen ebenso einschließt wie ‚untypische’ Klaviertrios.
Bruch, Martin und Schoenfield
Die beim Label Ars Produktion als SACD erschienene Produktion vermittelt von dieser Repertoirewahl einen lebendigen Eindruck. Sofort fällt ins Auge, dass keines der großen Repertoirestücke vorhanden ist. Zu Beginn erklingen die ‚Acht Stücke für Violine, Violoncello und Klavier’ von Max Bruch; die man landläufig als op. 83 für Klarinette, Viola und Klavier kennt. Eine der erwähnten Bearbeitungen also? Ja, aber vom Komponisten selbst, der die Stücke zwecks effektiverer Vermarktung auch für die Klaviertrio-Besetzung eingerichtet hat. Typisch sind die folgenden Stücke ebenfalls nicht. Den Schweizer Frank Martin würde man wohl nicht an erster Stelle mit einem ‚Trio über irische Volksweisen’ in Verbindung bringen. Und die ‚Café Music’ des Amerikaners Paul Schoenfieldt verleugnet dessen jüdische Wurzeln nie und bringt einiges an Klezmer-Anklängen. Der Komponist scheint es gut zu verstehen, keine klare Stellung zu beziehen zwischen Ironie und Ernst – ist manche Floskel tatsächlich so hemmungslos sentimental gemeint, oder soll man schmunzeln? Beides scheint möglich.
Beherzt und musikantisch
Das Trio Panta Rhei weiß von Beginn an durch den beherzten und im positivsten Sinne musikantischen Zugriff zu gefallen. Die Stücke von Max Bruch werden so intensiv und tief empfunden gespielt, dass man diese Fassung bedenkenlos als Original ansehen würde; den vermeintlich größeren Farbreichtum durch das Blasinstrument Klarinette vermisst man zu keiner Zeit. Dass die Intonation nicht an allen Stellen ganz lupenrein ist, wird man leicht verschmerzen, vor allem wenn es gälte, die vorhandene interpretatorische Wärme gegen eine nüchtern-kühle technische Perfektion einzutauschen. Dass die drei Musikerinnen auch mit der rhythmisch anspruchsvollen Musik Frank Martins und den Klezmer-Klängen Schoenfields bestens zurecht kommen, beweist ihre grenzgängerischen Ambitionen. Zwar ist die ‚Café Music’ nach meiner Einschätzung ein zweifelsohne effektvoller Schluss; was die musikalische Tiefe angeht, wird sich das Werk gegen Bruchs ‚Acht Stücke’ und Martins geistreiche Suite nach mehrmaligem Hören aber nicht behaupten können.
Guter Klang, warme Empfehlung
Die Klangqualität der 2007 entstandenen Aufnahmen weist auf der einen Seite keinerlei Mängel auf, zündet jedoch auch kein audiophiles Feuerwerk. Es wurde eine ausgewogene Balance gefunden; die Mehrkanalversion gewinnt jedoch keine nennenswerte Räumlichkeit. Das Booklet wirkt mit seinen zahlreichen und ausnahmslos in Graustufen gehaltenen fotographischen Abbildungen recht vornehm. Zentrale Werktitel und Komponistennamen in den Texten farblich hervorzuheben, ist ein schlichter Einfall, der die Orientierung aber massiv erleichtert – zum Glück wurde das Ergebnis durch ‚zu viel des Guten’ nicht zu bunt. Eine für entdeckungsfreudige und mehr mit dem Bauch als dem Verstand hörende Kammermusikfreunde ist diese Platte wärmstens zu empfehlen!
Kritik von Christian Vitalis, 15.12.2008