Als "ein Genre von unerquicklichster Gemischtheit" bezeichnete Richard Wagner 1851 in "Oper und Drama" das Melodram, die Verbindung von gesprochenem Wort und begleitender Instrumentalmusik, meistens für Orchester oder für Klavier. In einem Musiklexikon ist noch 1905 von "einer ästhetisch verwerflichen Zwittergattung" die Rede – offenbar wurde das Zusammentreffen von metrisch gebundener Musik und gesprochenem Wort, das entweder gar nicht oder nicht synchron zur Musik rhythmisiert war, als Provokation empfunden. Schon bei seiner Entstehung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die mit einem Experiment des Philosophen und Amateurmusikers Jean-Jacques Rousseau ("Scène lyrique Pygmalion", 1770, mit Musik von Rousseau und Horace Coignet, gleichfalls einem Amateurkomponisten) begann und dann vor allem in Deutschland fortgesetzt wurde (Georg Benda, "Ariadne auf Naxos" und "Medea", Werke von Christian Gottlob Neefe, Johann Friedrich Reichardt, Carl Maria von Weber und anderen, z.T. mit Chor, aber fast immer mit Orchester), galt die Gattung als umstritten [...]
Die vorliegende CD mit zahlreichen Erstaufnahmen, auch von Werken heute gänzlich vergessener Komponisten, bietet einen bunten Streifzug durch die deutsche Musikgeschichte von Schubert bis Wilhelm Kienzl, von der Früh- bis zur Spätromantik, die gerade in dieser Gattung bis tief ins 20. Jahrhundert reicht. Er darf in gewisser Hinsicht als repräsentativ gelten, zumal er einige der bekanntesten Melodramen (Schumann, Richard Strauss und Max von Schillings’ "Hexenlied") enthält.
Joachim Draheim
1 Franz Schubert (1797-1828)
"Abschied von der Erde" (Adolf von Pratobevera) D 829
(1826, erschienen 1873)
2 Robert Schumann (1810-1856)
"Schön Hedwig" (Friedrich Hebbel) op. 106
(1849, erschienen 1853)
3 "Ballade vom Haideknaben" (Friedrich Hebbel) op. 122, Nr. 1
(1853, erschienen 1853)
4 Carl Reinecke (1824-1910)
* "Schelm von Bergen" (Heinrich Heine) op. 111, Nr. 2 (1871)
5 Martin Roeder (1851-1895)
* "Nächtliche Heerschau" (Johann Christian Freiherr von Zedlitz)
op. 4, Nr. 1 op. 4, Nr. 1 (um 1875)
6 Philipp Gretscher (1859-1937)
* "Der Posten" (Heinrich Lersch) op. 147 (1928)
7 Wilhelm Kienzl (1857-1941)
* "Die Brautfahrt" (Joseph von Eichendorff) op. 9 (um 1885)
8 Richard Strauss (1864-1949)
"Das Schloss am Meere" (Ludwig Uhland)
(1899, erschienen 1911)
9 Max von Schillings (1868-1933)
"Das Hexenlied" (Ernst von Wildenbruch) op. 15 (1903)
10 Wilhelm Kienzl
* "Das Totenlicht" (Ballade [nach einer alten Wiener Sage]
von Franz Karl Ginzkey) op. 97, Nr. 2 (1920)
* Erstaufnahmen
Thomas Rübenacker, Sprecher
Katrin Düringer, Klavier
Redaktion Klassik.com
Interpretation:

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Booklet:
Das Hörspiel vor dem Hörspiel
Eigentlich ist es bedauerlich, dass die Gattung des Melodrams im heutigen Konzertleben kaum noch einen Platz hat. Obgleich solche Textrezitationen zur Instrumentalbegleitung von den Zeitgenossen oft als ‚Genre von unerqucklichster Gemischtheit’ (so Richard Wagner 1851) oder als ‚ästhetisch verwerfliche Zwittergattung’ (wie es in einem Lexikon von 1905 heißt) belächelt wurden, waren sie im 19. Jahrhundert bis in Musiktheater und Schauspiel hinein verbreitet (man denke nur an die ‚Wolfsschlucht-Szene’ aus Carl Maria von Webers ‚Freischütz’ oder an die entsprechenden Passagen aus Felix Mendelssohn Bartholdys Musik zum ‚Sommernachtstraum’). So ganz aber ist das Melodram heute nicht von der Bildfläche verschwunden, gehört es doch vielfach zum Bestand zeitgenössischen Komponierens, wird in unterschiedlichsten Ausprägungen für Bühnen- wie für Konzertwerke verwendet und taucht vor allem – auch darauf sollte einmal ausdrücklich hingewiesen werden – als beliebtes Gestaltungsmittel innerhalb der Werbung auf.
Die vorliegende CD der Ars Produktion freilich fokussiert ausschließlich auf das Melodram für rezitierende Stimme mit Klavier und zeigt anhand von Kompositionen aus der Feder von Franz Schubert, Robert Schumann, Carl Reinecke, Martin Roeder, Philipp Gretscher, Wilhelm Kienzl, Richard Strauss und Max von Schillings, den Abwechslungsreichtum entsprechender Arbeiten. Als Darstellung poetischer Texte vor dem Hintergrund einer meist gleichzeitig erklingenden Klaviermusik lässt sich das Melodram vom Beginn seiner Geschichte an bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts gar als eine Art ‚Hörspiel vor dem Hörspiel’ begreifen. Da es sich bei den zugrunde liegenden Texten häufig um Gedichte oder Balladen handelt, die der so genannten ‚Schauerliteratur’ zugehörig sind – der CD-Titel ‚Minne, Mord und Meuchelei. Schaurige Melodramen der Romantik’ deutet dies unmissverständlich an –, ergeben sich vielfältige Situationen dramatischer Schilderung und musikalischer Illustration, bei denen beide Mitwirkenden in gleichem Maße gefordert sind.
Im Idealfall zeigen die Kompositionen gar, und dies gilt für die beiden Schumannschen Werke ebenso wie für Max von Schillings ausgedehntes ‚Hexenlied’ (1903), das Bedürfnis der Komponisten, mit der Musik auf den zugrunde liegenden Text zu reagieren, ihn zu kommentieren oder ihm gegebenenfalls auch in Pausen zu seinem Recht als Sprachkunstwerk zukommen zu lassen. Sie sind denn auch ein Beleg dafür, auf welch hohem kompositorischen Niveau das Melodram in den glücklichsten und gelungensten Fällen angesiedelt war. Diesem außerordentlich hohen Stand hat auch die musikalische Wiedergabe zu entsprechen, wobei vielleicht die größte Schwierigkeit für einen heutigen Vokalisten darin besteht, den charakteristischen Tonfall der Deklamationen zu treffen, weil der Sprachvortrag inzwischen ganz anderen Prinzipien folgt als im 19. oder frühen 20. Jahrhundert.
Thomas Rübenacker meistert diese Aufgabe allerdings mit Bravour, so dass es eine Freude ist, seinem Textvortrag zuzuhören. Aufnahmetechnisch gegenüber dem Klavier etwas hervorgehoben, ist sein Zugang zu den einzelnen Werken sehr unterschiedlich: Da ist etwa der einem Sprechgesang angenäherte Vortrag in Werken wie Schuberts ‚Abschied von der Erde’ D 829 (1823), das sich nur dadurch von einem Klavierlied unterscheidet, als sein Text nicht gesungen wird und die Musik eher als Untermalung ohne besonderen Bezug zum Textinhalt dient. Aber da sind auch die faszinierenden Kontraste, die in Kompositionen wie Robert Schumanns ‚Ballade vom Haideknaben’ op. 122 Nr. 1 (1853) durch Wiedergabe von dialogisch angelegten Textpassagen entstehen oder jene Stellen in wiederum anderen Werken, bei denen Rübenacker mit seiner Stimme regelrecht malt, um bestimmte Stimmungen zu erzeugen.
Dass die Pianistin Katrin Düringer bezüglich einer plastischen Umsetzung der häufig anspielungsreichen Klavierparts den stimmlichen Fähigkeiten ihres Partners in nichts nachsteht, machen insbesondere Passagen wie die packende Schilderung des Unwetters in Wilhelm Kienzls Melodram ‚Die Brautfahrt’ op. 9 (um 1885) mit viel Tremolo, intensiver dynamischer Zeichnung und rasch absteigenden, die herab fahrenden Blitze illustrierenden Passagen, aber auch die vielschichtige Darstellung des Klavierparts von Richard Strauss’ ‚Das Schloss am Meer’ (1899) deutlich. Einer der Höhepunkte, der zeigt, wie kompliziert die musikalische Ebene sein kann, ist das Melodram ‚Nächtliche Heerschau’ von Martin Roeder (um 1875), in dem der Klavierpart nicht nur die gespenstische Situation Atmosphäre des mitternächtlichen Geisterheeres einfängt, sondern sich mitunter gar zu einer Zitatcollage auswächst. Und das macht beim Hören so richtig Spaß.
Kritik von Dr. Stefan Drees, 18.11.2008
Stuttgarter Zeitung
Ritter und Hexen
Aus dem heutigen Konzertbetrieb ist die Gattung des Melodrams nahezu verschwunden. Wie lohnend deren Wiederbelebung sein kann, beweist eine CD, auf der der SWR-2-Moderator und Sprecher Thomas Rübenacker und die Pianistin Katrin Düringer eine Auswahl von zehn - teilweise erstmals eingespielten - Werken aus der Blütezeit des Melodramas zwischen Romantik und frühem 20. Jahrhundert präsentieren.
Rübenackers charismatische, buchstäblich "geist-reiche" Deklamationen erweckt die überwiegend in Balladenform gehaltenen Texte von Eichendorff, Uhland, Hebbel und Heine mit stimmungsvollem Leben; Komponisten wie Schubert, Schumann und Strauss haben die Vorlagen musikalisch ausgemalt. Da formieren sich nächtliche Geisterheere, rächen Verstorbene die Störung der Totenruhe oder wird ein Mönch - wie in Max von Schillings' "Hexenlied", dem wohl bekanntesten Melodram überhaupt - auf dem Sterbebett von seinen innersten Seelenqualen gepeinigt. Düringers ausdrucksstarkes Spiel rundet das schaurig-schöne Hörvergnügen ab.
geh, 30. 06. 2009
Rondo 1/09
Glücklich der Redaktör, der - wie ich - Thomas Rübenacker zum Autor hat. Er ist ein Mann der Musik und der Sprache. Wie er mit ihren Klängen und Anklängen, mit ihrem Sinn und ihrer Sinnlichkeit jongliert, wie er sie dreht und wendet, dass man kaum hinterherkommt, wie er wie ein Kind mit ihr spielt und experimentiert, ist selten geworden unter den deutschen Musikjournalisten. Er steht darin in der großen Tradition eines E. T. A. Hoffmann, Robert Schumann oder eines »Monsieur Croche» alias Claude Debussy. Kein Wunder also, dass ihn der SWR, für den er als Moderator literarisch-musikalischer Sendungen arbeitet, zum Sprecher für einen Reigen schauriger Melodramen erkor. Das Konzertmelodram, also jene etwas in Vergessenheit geratene Form, bei der zu Musikbegleitung deklamiert wird, erlebte im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine kurze Blütezeit. Die CD versammelt bekanntere Stücke und Werke, die selbst der Kenner noch nie gehört hat. Für uns Heutige klingt in jener merkwürdigen Zwittergattung immer ein wenig Stummfilmpathos mit. Wer ein Melodram vorträgt, kommt an solcher Emphase nicht vorbei - auch unser Rezitator nicht. Freilich gebietet Rübenacker nicht über die artifiziell ausziselierte Sprache eines professionellen Schauspielers. Seine Rezitation kommt dafür als ein wahres Naturereignis daher und bringt eine Musikalität mit, von der die meisten Schauspieler nur träumen können. Einen Schritt über die Grenzlinie ins Kitschige und Lächerliche tut Thomas Rübenacker nie. Am beeindruckendsten gibt er den sterbenden Klosterbruder aus Max von Schillings "Hexenlied" und den betrunkenen Totengräber aus Wilhelm Kienzls "Totenlicht": Ersterer lässt auf dem Sterbebett in Gedanken alle Keuschheit fahren in wollüstiger Erinnerung an eine schöne "Hexe", die er in seiner Jugend nicht vor dem Flammentod bewahrte. Letzterer haucht von bösen Visionen bedrängt im Vollrausch auf dem Kirchhof sein Lebenslichtlein aus. Menschen und Schicksale: Wer Thomas Rübenacker kennt, weiß, es sind seine Themen - wie unser Sprecher hier liebt und leidet, lallt und lacht, greint und grölt, winselt und wienert - das ist schon beinahe Burgtheater-reif.
Markus Kettner
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