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Orchester des Staatstheaters Kassel
500 Jahre Kasseler Orchesterkultur
Das Orchester des Staatstheaters Kassel ist aus der Hofkapelle der Landgrafen von Hessen in deren Residenzstadt Kassel hervorgegangen. Urkundliche Nachweise über die Institution der Hofkapelle reichen zurück in das Jahr 1502. Gegründet auf diese jetzt 497 Jahre währende, zwar wechselvolle, im ganzen doch kontinuierliche Entwicklung, darf sich das Orchester des Staatstheaters Kassel zu den ältesten, traditionsreichsten Kulturorchestern Deutschlands, ja Europas rechnen.
Im Jahre 2002 wird das Orchester in Kassel 500 Jahre alt: Kapelle, mittleres, dann großes Orchester in einer Stadt, die sich im Laufe der Jahrhunderte von einer aufstrebenden Residenzstadt oft ausgesprochen musischer und weit-blickender Landgrafen heute zur modernen Großstadt inmitten eines Geflechts überregionaler Beziehungen entwickelt hat. Immer wieder steht Kassel im Blickpunkt internationaler Aufmerksamkeit, nicht zuletzt auf dem Gebiet der Künste (z.B. documenta, Kasseler Musiktage, Wochen für Neue Musik in der Kirche).
Am Anfang war die Hofkapelle eine Spielschar von 8 Bläsern, unterhalten zum elitären Zweck der Repräsentation und des Amüsements bei Hofe. Schon unter Landgraf Philipp dem Großmütigen (regierend von 1518-1567), dem Staatsmann der Reformation, wurden Hofkapelle und Kantorei in die öffentliche kirchliche Musikpflege einbezogen.
Um die Wende zum 17. Jahrhundert kam unter dem musischen, selbst komponierenden Landgrafen Moritz der Gelehrte (regierend von 1592-1627) das Theater als Aufgabengebiet für die Hofkapelle hinzu. Der englische Lautenmeister John Dowland war am Kasseler Hof. Englische Komödianten spielten mit festem Vertrag jahrelang in der Stadt. 1605 wurde mit dem Ottoneum das erste feststehende Theatergebäude Deutschlands eröffnet. Georg Otto war Hofkapellmeister. Heinrich Schütz, in Kassel von Georg Otto ausgebildet, wurde nach seinem venezianischen Aufenthalt Kasseler Hoforganist und Vizekapellmeister, bis er seine Berufung nach Dresden erhielt.
Wieder ein knappes Jahrhundert später unternahm der experimentier- und baufreudige Landgraf Karl (regierend von 1687 bis 1730) den Versuch, in Kassel eine italienische Oper einzurichten. Er berief 1701 Ruggiero Fedeli, 1725 Fortunatus Chelleri als Hofkapellmeister nach Kassel. Nach 1730 nahm unter Chelleri auch das öffentliche Konzertwesen einen starken Aufschwung, das im 19. und 20. Jahrhundert zu einer ganz wesentlichen Aufgabe des Orchesters werden sollte. Die italienische Oper erreichte ihren Höhepunkt unter Landgraf Friedrich Il. (regierend von 1763 bis 1785), der 1763 Ignazio Fiorillo als Hofkapellmeister nach Kassel berief und der Oper im Landgräflichen Hoftheater in der Oberen Königsstraße eine großzügig eingerichtete Spielstätte eröffnete. 1789/90 hat Carl Stamitz in Kassel gewirkt.
Zur Zeit der französischen Besetzung (1806-1813) war Kassel Hauptstadt des Königreichs Westfalen unter König Jérôme Bonaparte. Die Oper sollte mit Paris wetteifern und wurde daher hoch subventioniert. Das Orchester hatte 1812 bis zu 68 Musiker und war eines der größten in Europa. Hofkapellmeister waren zu jener Zeit Johann Friedrich Reichardt (1808), dann Felice Blangini. Statt Blangini hatte Beethoven nach Kassel kommen sollen. Beethoven sagte zu, zog aber die Zusage zurück, nachdem Wien ihm eine lebenslängliche Rente geboten hatte.
1814 wurde das seit 1803 bestehende Kurfürstentum Hessen-Kassel wiederhergestellt. Das Orchester, jetzt drastisch auf 30 Musiker reduziert, die von Fall zu Fall durch Militärmusiker des Leibgarde-Regiments zu verstärken waren, gewann unter dem genialen Dirigenten Carl Wilhelm Ferdinand Guhr (später Frankfurt) bald wieder einen so hohen Rang, daß 1822 eine europäische Berühmtheit wie Louis Spohr bewogen werden konnte, auf Empfehlung Carl Maria von Webers als Hofkapellmeister und Operndirektor nach Kassel zu gehen, wo er bis 1857 blieb, zuletzt als Generalmusikdirektor. Das Orchester, jetzt auf 50 Musiker verstärkt, entwickelte sich unter Spohr, ebenso wie das Opernensemble, "zu einem der vorzüglichsten in Deutschland" (Spohr). Unter Spohr nahm auch das öffentliche Konzert-wesen einen großen Aufschwung. 1857 wurde Carl Reiss Spohrs Nachfolger. 1859 kam für ein Jahr Otto Dessoff, nachmals Hofkapellmeister der Wiener Oper und bedeutender Brahms-Interpret, als Musikdirektor nach Kassel.
1866 wurde das Kurfürstentum Hessen von Preußen annektiert. Das Theater in Kassel, jetzt "Königliche Schauspiele", unterstand fortan der administrativen Generalintendantur in Berlin. Oper und "Königliche Kapelle" konnten unter den leitenden Kapellmeistern Carl Reiss (bis 1880), Wilhelm Treiber (bis 1899) und Franz Beier (bis 1914) den hohen künstlerischen Rang behaupten, den sie unter Spohr gewonnen hatten. Von 1883 bis 1885 war Gustav Mahler Musikdirektor in Kassel und gewann hier Erfahrungen, die für seine spätere Entwicklung als Dirigent und Operndirektor fruchtbar werden sollten.
1909 erhielt Kassel ein neues, prunkvolles Hoftheater am Friedrichsplatz. Den erweiterten Aufgaben entsprechend wurde die Königliche Kapelle auf 60 Musiker verstärkt. Der seit 1914 amtierende leitende Kapellmeister Robert Laugs konnte dem Kasseler Konzertwesen zu seinem bisher wohl größten Aufschwung verhelfen. 1919 wurde das ehemals Königliche Hoftheater in ein "Preußisches Staatstheater" unter Berliner Generalintendanz (bis 1945) umgewandelt. Es war Mitte der zwanziger Jahre eine Pflegestätte zeitgenössischer Musik.
Ernst Krenek war von 1925 bis 1927 in Kassel Musikdramaturg und künstlerischer Beirat. Seine Oper "Orpheus" erlebte hier ihre Uraufführung. Neben Robert Laugs, der sich 1930 ganz auf die Konzerte zurückzog (bis 1941), dirigierten sensible 1. Kapellmeister wie Ernst Zulauf, Wilhelm Franz Reuss und der hochbegabte Maurice Abravanel (1929-1932).
Einen neuen Höhepunkt künstlerischer Entwicklung erreichten Oper und Orchester (jetzt "Preußische Staatskapelle Kassel") unter Staatskapellmeister Robert Heger, der von 1935 bis 1944 leitender Dirigent in Kassel war. Er setzte eine Verstärkung des Orchesters auf 70 Musiker durch. Zahlreiche Opern, Ballette und Konzertwerke erlebten in Kassel ihre beachtete Ur- oder Erstaufführung. 1943 wurde das Theater am Friedrichsplatz durch Bomben zerstört. Die Oper erhielt bis 1959 in der Stadthalle eine behelfsmäßige Spielstätte.
In der Zeit des schwersten Wiederaufbaues, von 1945 bis 1948, war Richard Kotz Operndirektor und Leiter der Konzerte. Schon unter Robert Heger war er 1. Kapellmeister in Kassel. Ihm folgten als Generalmusikdirektoren Dirigentenpersönlichkeiten von internationalem Ansehen: Karl Elmendorff (1948-1951), Paul Schmitz (1951-1963, ständiger Gast bis 1966), Christoph von Dohnányi (1963-1966), Gerd Albrecht (1966-1972). Es folgten bis in die Gegenwart die Generalmusikdirektoren James Lockhardt (1972-1980), Woldemar Nelsson (1981-1986), Adam Fischer (1987- 1991; er war Mitbegründer des über die Landesgrenzen hinausragenden "Mahler-Festivals"), Georg Schmöhe (1991-1996). Seit 1997 verantwortet Roberto Paternostro die künstlerische Leitung.
Das Orchester des Staatstheaters Kassel bestand bis 1959 aus 62 Musikern. Es wurde mit Übergang in das neu erbaute Opernhaus am Friedrichsplatz auf 74, unter Christoph von Dohnányi auf 90 Musiker verstärkt. Gegenwärtig hat es 81 Mitglieder. Im Jahre 1994 wurde es vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst in den sogenannten A-Status erhoben. Dieser ermöglicht ihm nun vor allem auch die Auswahl und Bestimmung bester Nachwuchskräfte. Das betrifft auch die Besetzung des Pultes. Darüberhinaus sind fast alle Stimmführer des Orchesters auch solistisch tätig. Neben den täglichen Diensten in Oper, Operette und Ballett finden zahlreiche Sinfoniekonzerte, Werkstattkonzerte für Schüler, Matineekonzerte, Kammerkonzerte statt. Aus den Musikern des Orchesters haben sich in den Jahren einige Kammermusikvereinigungen gebildet, die über Kassel hinaus bekannt wurden: Das Schnur-Quartett, das Klaviertrio Kassel, das Pallas-Trio, das Trio Assiano, das Duri-Quartett, das Ensemble "Charles Koechlin", die Camerata instrumentale, das Bläserquintett und das Blechbläserensemble Kassel und jüngst das Spohr-Quartett.
